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GRAZ: LOHENGRIN. Premiere 28.September 2013

28.09.2013

Oper Graz “LOHENGRIN” Premiere 28.September 2013   Zu viele Fragen stören den Glauben und die Illusion

Von: Peter Skorepa

Wagner hat sich bei der Konzeption seines Lohengrin speziell auch mit dem antiken Mythos um Zeus und Semele beschäftigt, deren unbedingter aber verbotener Wunsch es war, hinter der Menschengestalt des immer nach sexuellen Abenteuern gierenden Gottes dessen tatsächliche Idendität zu erkennen. Das kostete ihr das Leben, mit seiner Enthüllung seiner wahren Gestalt als Gott wurde Semele vom Blitz getroffen. Was nun immer das Frageverbot in Wagners Frühoper bedeutete, darüber gibt es die verschiedenartigsten Auslegungen, in Johannes Eraths jüngster Inszenierung an der Grazer Oper scheint dies fraglos die Angst des großartigen Retters zu sein, seine zur Banalität gewordene Bürgerlichkeit aufzudecken. Da sitzt er also in der sogenannten Brautgemachsszene mit seiner Angetrauten am Küchentisch, ängstlich und nervös und bangt sichtlich vor dem immer enger werdenden Netz an Andeutungen, um letztlich die verbotenen Fragen gestellt zu bekommen. Er hätte lieber in aller Ruhe Radio gehört, so ein alter Röhrenempfänger zierte ja den Tisch. Aber den Blitz, den ersparte er Elsa, als er seine Anonymität zuletzt doch aufgeben musste. Da war doch Zeus schon von einem anderen Kaliber im Umgang mit lästigen Fragern.

Den geplanten Darsteller des Lohengrin gab es vorerst ja nicht in Graz. Nach der durch Erkrankung bedingten Absage von Johannes Chum sprang Herbert Lippert ein, und das gleich mit einem Rollendebüt, dem man das wohl nicht allzu lang zurückliegende Studium der einigermaßen schwierigen Partie anmerkte – die leichten Unsicherheiten im Herangehen an die kritischen Stellen, der Kontakt zu den Partnern, Details in der Gestaltung – das alles wurde noch mit merkbarer Vorsicht und Respekt vor der Rolle angegangen. Auch entwickelt Lippert nur im Ansatz heldentenoralen Aplomb, dessen Fehlen aber in diesem Werk nicht unbedingt ein Manko bedeuten muß, wenn dafür präzise Phrasierung und technisch einwandfreier Stimmsitz gewährleistet sind. Prominente Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart zeigten bzw zeigen dies ja. Lippert wird noch daran arbeiten müssen um ein anerkannter Lohengrin zu werden, immerhin gelangen ihm bewundernswerte lyrische Phrasen.

Von der Saaldecke lösten sich weiße Federn aus der Proszeniumsloge trompetete ein festliches A-Dur, aus dem Hintergrund heraus verwandelten sich weiße Wände und Decken zu einer Bühne auf der Bühne,ganz in weiß, für den effektvollen Auftritt des Schwanenritters, dazu noch auf einem Haufen ebenfalls weißer Federn. Dass er in nur wenig attraktiver Kleidung aus Hose und Jacke samt Umhang auftrat hatte er Christian Lacroix zu danken, der Figur des Tenors fehlte damit einiges an zusätzlicher Attraktivität, hatten doch die anderen Protagonisten relativ Herzeigbares in ihrer Garderobe: König Heinrich eine Art Königsornat der Wittelsbacher samt deren nachempfundener Krone, Elsa bei der Hochzeit in weißem Edelstoff, raffiniert gefältelt, Telramund blau und elegant uniformiert und ordengeschmückt, das Haupt pickelhaubig besetzt, Ortrud in elegantes Reitkleid mit Damenzylinder.

Die Bühne stammte von Kaspar Glarner, die anfangs im Hintergrund ein Vorhangbild in Anlehnung an jene berühmte Abtei im Eichwald von Caspar David Friedrich zeigte, die auch im letzten Akt wieder auftauchte, kurz aber auch mit der Projektion einer Sowjetfahne verbunden.

Und mit diesen Ingredienzien: Krone, Pickelhaube, Damenzylinder, Radio und Kostümdetails deuteten der Regisseur und sein Ausstatter – mehr dem heutigen Trend nach solchen Metaphern geschuldet – einen Gang durch die deutsche Geschichte an. Die genannten Symbole werden einzeln über die Bühne getragen, der letzte der Mannen hält nur mehr die Hand in die Höhe, leer aber hitlermäßig abgewinkelt – wir wissen´s und die Erwartungshaltung ist damit bedient. Der Wald in der Hochzeitsszene verwandelte sich dank der Drehbühne geschickt in den schon erwähnten, auf einem Baum hängenden, balkonartigen Bereich, der das Brautgemach darstellen sollte, eher der Küche glich, mit Tisch und zwei Sesseln, die Schlussszene spielt auf leerer Bühne.

Zwei aus der Sängerschar hatten am Haus ein Rollen-und Hausdebüt. Derrick Ballard, der Bassist aus Denver mit gut gebildeter Stimme als König Heinrich, Sara Jakubiak, die mit ihrem eindringlichen Sopran als Elsa die Hysterie der Figur trefflich zum Ausdruck brachte, mit ihrem Spiel und mit ihrer schlanken Figur sowieso. Grandios ihre “Verführungsszene” im Brautgemach, sprich in der “Küche”, um ihrem Angetrauten dessen Geheimnis zu entreißen, zuletzt auch der Versuch auf dem Boden durch sexuelle Lockung die Kontrolle Lohengrins über sich verlieren zu lassen.

Der Bulgare Anton Keremidtschiev hat den Telramund schon gesungen und zeigte seine bewundernswerte und intensive Gestaltung dieser tragischen Figur als Hausdebüt. Alle anderen hatten ein Rollendebüt, darunter Michaela Martens aus Seattle als Ortrud, die bei aller Durchschlagskraft zu wenig an Textverständlichkeit zeigte und André Schuen als tadelloser Heerrufer. Und den kleinen Gottfried gab Christian Cerncic, immer wieder taucht er auf, die Entführung durch Ortrud wird während der Hochzeitsmusik nachgestellt, zuletzt wird er aus einem Haufen Roben von Ortrud ausgebuddelt und – Widerwillen zeigend – der Schwester übergeben.

Der gebürtige Franzose mit dem algerischen Vater und der deutschen Mutter , Julien Salemkour, Staatskapellmeister an der Staatsoper Berlin (unserem GMD entsprechend), zeigte, was an Dramatik in dieser Oper steckt und ist auch ein vorzüglicher Sängerbegleiter. Das Vorspiel mit dem “schwebenden” Geigenglissandi müßte mit dem sonst, vor allem im Blech bemerkenswerten Grazer Philharmonischen Orchester noch besser ins klingen zu bringen sein. Für die heiklen Chorstellen standen der Chor-und Extrachor der Oper Graz und der Gustav-Mahler-Chor zur Verfügung. Ersteren leitete Bernhard Schneider, letzteren Thomas Lang.

Letztlich lebhafter Applaus, von lauten Bravorufen und beifälligen Pfiffen seitens eines Teils des Publikums unterfüttert.

Fazit: Wirkungsvoller und sehenswerter Rahmen, detailreiche Personenführung, sehr gute musikalische Wirkung seitens des Dirigates, sowie des Orchesters und den Chören.

Quelle: www.der-neue-merker.eu


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