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WIEN / Burgtheater: SPATZ UND ENGEL

17.09.2013

WIEN / Burgtheater: SPATZ UND ENGEL von Daniel Große Boymann, Thomas Kahry, nach einer Idee von David Winterberg Premiere: 17. September 2013

Von: Renate Wagner

Die eine war stets „Der Spatz von Paris“, die andere ist als „Der blaue Engel“ berühmt geworden. Jede von ihnen war eine überdimensionale Erscheinung in der Kunstlandschaft des 20. Jahrhunderts – Edith Piaf und Marlene Dietrich. Zwei Frauen, wie sie von ihrer Herkunft und ihrem Habitus her nicht verschiedener hätten sein können. Und doch Freundinnen, die für einander über eine weite Strecke ihrer Leben wichtig waren.

Man kennt genügend Abende über die Piaf, wer immer sie auch für Künstlerinnen gebastelt hat, die imstande sind, ihre Chansons mit dem nötigen Niveau zu singen. Man kennt auch Abende, in denen „Marlene“ solistisch im Mittelpunkt steht: Die Damen sind schließlich als Künstlerinnen, als Persönlichkeiten und in ihrem reich bestückten Liebesleben dankbare Objekte des Interesses. Daniel Große Boymann und Thomas Kahry haben die beiden nun verknüpft, was deshalb Sinn macht, weil das Burgtheater für die Uraufführung dieses „Stücks“, das nicht wirklich eines ist, berufene Interpretinnen hat. Anders wäre es nicht möglich.

Die Sache ist mäßig geschickt gemacht, aber man braucht natürlich ein paar Hilfsfiguren zwecks Erklärungen, ohne die es nun einmal nicht geht: Alexandra Henkel muss in der undankbaren Aufgabe einer Erzählerin, Kommentatorin und gelegentlich in kleine Rollen schlüpfend nicht ganz souverän auf der Bühne stehen. Marcus Kiepe und Dirk Nocker sorgen für die jeweils nötigen Männer. Viele sind es ja nicht. Denn es geht um die beiden Frauen, die dank der berühmten Großzügigkeit der Dietrich, die immer die Qualitäten anderer anerkannte, in den Nachkriegsjahren Freundinnen wurden. Erst lesbisch, später entwickelte die starke Marlene eine gewisse Schutzfunktion der so evident schwachen Edith gegenüber. Man war einander nahe, aber es gab auch Missverständnisse, doch weil die Autoren zwar Fakten auswerteten, aber kein reines Dokumentarstück schrieben, können sich am Ende die alte Marlene und die tote Edith liebevoll umarmen, im Duett singen und gemeinsam den Applaus eines gerührten Publikums entgegennehmen… Glücklicherweise wird im Hintergrund unter der Leitung von Otmar Klein geradezu ausgezeichnet dazu musiziert.

Die Szenen einer Beziehung wirken deshalb so stark, weil das Burgtheater („Einrichtung“ des Abends: Matthias Hartmann in einer Art Varieté-Bühnenbild von Volker Hintermeier) Idealbesetzungen auf die Bühne stellen kann, wie man sie nicht alle Tage findet – zwei große Schauspielerinnen, die auch große Sängerinnen sind, was kann man mehr verlangen? Und sie dürfen singen, jede ihre großen Hits, und am Ende „La Vie en Rose“ gemeinsam (das einzige übrigens, was bei der Premiere nicht makellos geriet, da waren sie manchmal auseinander).

Sona MacDonald ist Marlene geradezu verblüffend ähnlich – sie hat, im weißen Hosenanzug (Kostüme: Lejla Ganic) nicht nur die schlanke Silhouette und die souveräne Eleganz, sondern auch die Nüchternheit, Berliner-Schnauze-Schnoddrigkeit und große Seele der großen Frau, wovon immer wieder berichtet wird. Und sie singt anbetungswürdig – vielleicht sogar besser als die Dietrich selbst, die ja keine genuine Sängerin war, weit eher ein Showstar und wohl vor allem ein Produkt ihres selbst geschaffenen, so geschickt gepflegten Images. Wundervoll.

Maria Happel ist Edith Piaf, die nun wahrlich die geborene Sängerin war, und sie braucht optisch nicht filigran sein wie das Original, wenn sie das weiche Herz und die wunde Seele dieser Frau so überzeugend auf die Bühne bringt, inklusive den tief aus dem Bauch kommenden Tönen des Pariser Gassenkindes und der berührenden ewigen Suche nach der großen Liebe. Im übrigen hat die Happel nicht nur die kraftvolle „Röhre“ der Piaf, sondern auch deren gesanglichen Gestus, und mit „Mylord“ und „Je ne regrette rien“ die stärksten Nummern des Abends. Was nichts daran ändert, dass beide Damen gänzlich gleichwertig sind, keine die andere ausstechen oder übertrumpfen will – und so das perfekte Gleichgewicht aus den Gegensätzen erwächst.

Tatsächlich, da stehen die Dietrich und die Piaf auf der Bühne, als seien sie lebendig geworden. Darüber hinaus wird das nach Persönlichkeiten süchtige Wiener Publikum aber mit Sona MacDonald und Maria Happel schlechtweg optimal bedient.

Quelle: www.der-neue-merker.eu


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