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WIEN/ Theater an der Wien: THE RAKE’S PROGRESS

19.09.2013

TadW: The Rake’s Progress – 19.9. 2013

Von: Harald Lacina

Roland Geyer setzte die Wiederaufnahme der mit dem Opernhaus Zürich koproduzierten neoklassizistischen Oper Strawinskis, die ihre Premiere am 13. November 2008 gefeiert hatte, zu Beginn der Saison 2013/14 auf den Spielplan. Der Grund hiefür liegt auf der Hand: Am 13. Oktober wird „A Harlot’s Progress“ des jungen britischen Komponisten Iain Bell (geb. 1980) im Theater an der Wien uraufgeführt. Beiden Opern liegt die aus acht Kupferstichen bestehende Serie von William Hogarth zu Grunde.

Die Neueinstudierung der sensationsheischenden Inszenierung von Martin Kušej, die krampfhaft bemüht war, dem eher spröden Werk pralle Sinnlichkeit zu unterlegen, besorgte der vom Opernhaus Graz an das Brüsseler Théâtre de la Monnaie gewechselte einstige Regieassistent Herbert Stöger.

Aktuell konnte man noch im Jahre 2008 diese Inszenierung des Kärntner Regisseurs als eine Anspielung an den wenige Wochen vor der Premiere durch einen Unfalltod verstorbenen Landeshauptmann von Kärnten, Jörg Haider, verstehen. Wenn nun bei der Wiederaufnahme durch eine Leuchtschrift über der Bühne eine Verortung im Wien des Jahres 2013 suggeriert wird, so findet man lediglich in den neuen Videoeinspielungen, die Nachrichten um den Hypo-Alpe-Adria Bankskandal zeigen, eine schwache Bestätigung dieser Arbeitsthese. So wird auch die Hochzeit zwischen Tom Rakewell und Baba the Turk dieses Mal nicht von Dominic Heinzl, sondern von RTL im Fernsehen verkündet. Und am Ende sind es wiederum Szenen aus dem Villacher Fasching, die Toms Wahnsinn unterstreichen.

Und für die Nacktszenen mit koitierenden Statisten im zweiten Bild ist die einstige Altersempfehlung einer umtriebigen Schulpsychologin von ursprünglich 18 Jahren, man staune über den sexuellen Fortschritt in dieser Hinsicht in Österreich (!), gar auf 16 Jahre gesunken. Schockierend ist das allemal nicht, wenn man bedenkt, dass das Vorspiel zu Tannhäuser eigentlich eine bacchantische Orgie, wie sie einst John Neumeier in seiner Choreographie für den Bayreuther Tannhäuser von Götz Friedrich 1978 angedeutet hatte, sein sollte und nicht eine idyllische Schäferpoesie, wie sie dereinst Franco Zeffirelli für Wien anno Schnee auf die Bühne gestellt hatte.

Manch witziger Regieeinfall, wenn beispielsweise der satanische Nick Shadow aus einer Pizza-Schachtel entsteigt, Tom Rakewell samt Bekleidung in einen Swimmingpool hüpft, oder Nick Shadow zunächst mit einer roten Henkersmaske auftritt um später nach der Rätselszene einen wahrhaft höllischen Abgang in Schwefel und Rauch zu vollführen, verfehlen beim ersten Mal keinesfalls ihre Wirkung. Beim zweiten Mal ist es aber nur mehr ein lauer Aufguss.

Ein schlichtes Zimmer mit wechselndem Interieur, das zur Guckkastenbühne geschrumpft war, stellte Annette Muschetz auf die Bühne. Die Sänger agierten teils in schrillen Kostümen, so Mother Goose in Strapsen, die Türkenbaba in schillernder Abendrobe, der Aktionator in giftgrünem Anzug und Anne in einem gelben Ensemble, während Trulove, Tom Rakewell und Nick Shadow in eher unauffälliger Alltagskleidung auftraten (Kostüme: Su Sigmund).

Wie schon 2008 so gab der sympathische britische Sängerdarsteller Toby Spence mit höhensicherem Tenor den Wüstling Tom Rakewell. Fabelhaft zeigt er die Wandlung vom Joint rauchenden Nichtsnutz zum verrückten und einsam gewordenen menschlichen Wrack, das sich in seiner abgeschotteten Traumwelt einbildet Adonis zu sein.

Anne Sofie von Otter reüssierte bereits 2008 als Society-Queen Baba the Turk, die das begierige Auge der Seitenblickekamera auf Schritt und Tritt verfolgt. Für ihre exzentrische Darstellung des Hermaphroditen, der dieses eigenwillige Naturphänomen auch bereitwillig zur Schau stellt, und ihre hervorragend gesungenen Koloraturen, erhielt sie verdienter Maßen den stärksten Applaus.

Der Mödlinger Manfred Hemm hinterließ wie bei der Premiere 2008 einen bleibenden Eindruck als behäbiger Vater Truelove mit markigem Bass. Mit dabei von der Besetzung 2008 waren noch Carole Wilson als Mother Goose, schonungslos in ihrer Darstellung mit entblößter Brust, wenn sie den unerfahrenen Rake in die letzten Geheimnisse der Sexualität einweiht, und Gerhard Siegel als groteskkomischer Auktionator Sellem mit durchdringendem Heldentenor.

Die Rolle des satanischen Nick Shadow, 2008 noch von Alistair Miles gesungen, hat nun Bo Shovhus übernommen. Ideal in Figur mit Pferdeschwanz und stimmlich durchaus ausgewogen, wenn auch nicht mit jener strahlenden Leuchtkraft versehen, die seinen Bariton noch vor einigen Jahren kennzeichnete.

Und Anna Prohaska übernahm die Rolle der aufopfernden Anne Truelove (nomen est omen!) von Adriana Kucerová. Für meinen Geschmack darstellerisch etwas fahl und eindimensional und stimmlich in der Höhe bisweilen angestrengt und schrill.

Der Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner singt bekleidet aus den beiden seitlichen Proszeniumslogen. Nur in der Versteigerungsszene agieren sie auch mit gewohnter Verve auf der Bühne.

Im Orchestergraben wichen die Wiener Symphoniker unter Nikolaus Harnoncourt dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien mit Michael Boder am Dirigentenpult, der einfühlsam mit geradezu kammermusikalischer Raffinesse die an barocken und klassischen Zitaten reiche Partitur Strawinskis auslotete.

Das Publikum einer Reprise zeigte sich am Ende aber doch beifallsfreudiger als bei der Premiere am 16.9. und einige Bravorufe waren auf die Protagonisten gleichmäßig verteilt.

Quelle: www.der-neue-merker.eu


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